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„An der Idee werden Stadtteile in Zukunft gemessen“

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Buch-Tipps
Verfasst am 11.04.2019, in der Kategorie "Buch-Tipps"

So kennen wir sie: Nah dran, grün und schon immer ein wenig anders. Die Politikerin Renate Künast verfolgte schon eine Weile die Idee, einen Gartenführer der etwas anderen Art zusammenzustellen. Ein Buch, das die Geschichte grüner Projekte in Städten Deutschlands, Österreichs und der Schweiz erzählt. Künast porträtiert mit der Gartenredakteurin Victoria Wegner die Gärten an sich, die Köpfe und Charaktere dahinter. Die Themen passen zu ihr, passen zu beiden Autorinnen: „Meine Ernte – Wissen wo’s herkommt“ oder „Gesunde Böden – das neue Gold“. Die Porträts beinhalten Hintergrund, Geschichte, Besonderheiten, Gartentipps, Kochrezepte und Pflanzentipps. Wir sprachen mit Renate Künast über ihr neues Buch, das wir Ihnen in unserem Buch-Tipp aus dem Callwey-Verlag vorstellen.

Frau Künast, eigentlich sind Sie der breiten Öffentlichkeit ja als Politikerin bekannt. Woher stammt Ihr Interesse für das Urban - Gardening?

Auf die Idee für einen Reiseführer zu Projekten des Urban Gardening und Urban Agriculture kam ich, als mir auffiel, dass es sich hier “nicht nur” um einige Projekte in Städten handelt - wie in den Anfängen der community Projekte in den USA. Zum einen erlebte ich selbst, wie viel Spaß es macht den Kaffee oder Imbiss in einem dieser Anlagen einzunehmen. Die wunderbaren Pflanzen - oft habe ich gleich ein paar erstanden - machen Freude; und mindestens genauso gut ist es, das frisch geerntete Gemüse auch gleich zu essen. Dazu kommt noch die wunderbare Atmosphäre und die Freude am engagierten Einsatz für Artenvielfalt, die man ja vor Ort erleben kann. Nach und nach merkte ich, dass hier systematisch eine richtige Graswurzelbewegung heranwächst, die Antworten auf aktuell drängende Fragen gibt.

Und es reifte der Gedanke, diese Bewegung in einem Buch zu beschreiben?

Richtig! Aber das Buch ist noch viel mehr als ein Buch über die modernsten Gärten (nach Bauerngarten und Kleingartensiedlung). Es zeigt auf, dass hier weitere Aufgaben bearbeitet werden: Artenvielfalt, Nahrungsangebote für bestäubende Insekten, gute Böden/ Humus, CO2 - Speicherung und Klimaschutz sind das Eine. Soziale Projekte sind ebenfalls vertreten, wie insbesondere in Andernach und Bremen, wo Langzeitarbeitslose oder Menschen mit Behinderungen eine Tätigkeit finden.

Es geht in dem Buch auch um ein Stück Lebensqualität, richtig?

Ich habe gelernt, dass es hier bei sehr vielen nicht mehr nur um Gruppen geht, die auf einer abgegrenzten Fläche arbeiten. Vielmehr sind die Projekte wesentlicher Bestandteil einer Debatte über Lebensqualität in Städten der Zukunft. Sie schaffen Freiräume für Aktivitäten und Begegnungen und sie sind erst der Anfang einer Debatte über Stadtgrün in Zeiten des Klimawandels.

Rein ins Grüne – Raus in die Stadt thematisiert auch die Wichtigkeit regionaler und saisonaler Produkte?

Auffallend ist, dass Städte immer mehr zum Player werden. Und zwar nicht über die üblichen Beteiligungsstrukturen, sie machen einfach. Essbare Städte, Biostädte, die ihre Gemeinschaftsverpflegung (vom Kindergarten bis zum Seniorenheim) systematisch umstellen und viele andere Initiativen zeigen, dass die Verbraucher in den Städten die Entfremdung von den Lebensmitteln aufheben wollen. Sie wollen wissen wie und wo angebaut wurde. Die Projekte in dem Buch zeigen das eindrücklich. Und es ist erst der Anfang, denn die internationale Vernetzung vieler Großstädte hat gerade erst begonnen. Die Städte und ihre Bewohner sind sich ihrer Aufgaben offenbar bewusst.

Was reizt Sie an den vorgestellten Gärten am meisten?

Am meisten gefällt mir an den Gärten die Mischung. Ein jeder Garten findet seinen Besucher für einen bestimmten Zweck. Für diesen Sommer freue ich mich auf den Frühjahrs - Pflanzenmarkt in der Annalinde in Leipzig, auf die Ausdehnung der Gemüsewerft in Bremen, die eine neue Fläche an der Weser bekommt und auf den Pionier Andernach.

In Ihrem Buch werden dem Leser auch zahlreiche Kochrezepte vorgestellt. Haben Sie einen Favoriten?

Das Buch bietet Ausflugsziele und Ruheoasen für Stadtbesuche, aber eben auch tolle Rezeptideen für fast alles was im Garten wächst und für einige Wochen im Überfluss vorhanden sein wird. Ich freu e mich speziell aufs Weingelee, die zwei Kisten eigene Weintrauben kann ich so besser bewältigen, bevor ich die Resternte den Amseln überlasse.

Können wir in Zukunft auf weitere Projekte in Bezug auf das urbane Gärtnern hoffen?

Über allem steht für mich der Eindruck, dass so viele Menschen sich für Vielfalt engagieren und dabei noch einen schönen Treffpunkt für das Miteinander gefunden haben. Wunderbar. An der Idee des Urban gardening werden Stadtteile in Zukunft gemessen werden. Grün statt Grau.  
Renate Künast, geboren in Recklinghausen, ist Politikerin, Juristin und Sozialarbeiterin. Von 2000 bis 2001 war sie Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, von 2001 bis 2005 Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft und von 2005 bis 2013 Vorsitzende der Bundestagsfraktion ihrer Partei. Renate Künast ist Mitglied des deutschen Bundestags und lebt in Berlin.